Fortsetzung abc etüden 16/18: Der Plan

2018_16_2_zweiAll ihre Kraft und Zorn strampelte sie in das Fitnessgerät, sie hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. „Ich will nix mehr denken und fühlen“, sprach es in ihr, während sie wie eine Besessene trainierte.

Nach einer knappen halben Stunde wurde sie ruhiger.

Schwanger“ zeigte der Teststreifen vorhin auf dem Klo, sie hätte schreien können. Was wäre, wenn sie Michael das Baby unterjubeln würde? Dazu müsste sie ihn allerdings bald verführen, sie wusste, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte.
Sie spürte, dass es ihr bei ihm gut gehen würde. Dann wäre endlich Schluss mit Jürgen.
Wenn der Plan aufginge, würde sie außerdem Notenblatt für Notenblatt schreddern und die Akkordeonproben sausen lassen.

Sie würde sich auf ihre Singstimme konzentrieren und Weiterlesen

Überfordert – abc etüden 16/18

2018_16_2_zweiSie konnte sich beim besten Willen nicht auf das Notenblatt konzentrieren.

Sie fühlte sich so hilflos und überfordert, weil die anderen Mitspielerinnen flink die Tasten spielten und gleichzeitig rasend schnell die Bassknöpfe drückten.

Ihre Lehrerin hatte sie in die Konzertgruppe gesteckt, weil sie im Einzelunterricht brillierte und jetzt war klar, in der Akkordeonkonzert-gruppe kam sie nicht mit.

Sie war völlig konsterniert und hätte heulen können. Sie würde es nicht schaffen, dieses Tempo mitzuhalten. In vier Wochen schon sollte das Konzert gespielt werden.

Nach der Probe lief sie sofort ins Studio, sie musste ihren Frust abtrainieren. Weiterlesen

Vernissage

2018_09_2_zweiSie wusste sie würde erblinden, sie hatte noch ein Jahr. Ihr Augenarzt informierte sie erst vor wenigen Wochen darüber und sie hatte ihn gehasst für diese Diagnose. Für eine erfolgreiche Künstlerin wie sie es seit Jahren war, schluckte sie schwer daran, aber sie hatte da eine Idee für ihren nächsten Auftrag. Ihr Kunde meinte etwas bräsig zu ihr, „machen Sie etwas Besonderes, etwas das die Herzen bewegt“.

Sie würde besondere Worte auf Holztafeln meißeln und diese dann an der Ausstellungswand kreuz und quer aufhängen. Auf der gegenüber liegenden Wand würde sie die gleichen Worte in der sogenannten Brailleschrift, einer Blindenschrift präsentieren.

Seit Tagen sammelte sie die Worte in ihrem Kopf und wählte aus: Weiterlesen

Spitzname Pimpinelle

2018_08_2_zwei„Pimpinelle“ hatten sie sie früher gerufen. Das war ihr Spitzname und sie hasste ihn und all diejenigen, die sie so gerufen hatten. Was hatte sie sich darüber geärgert, zum Pimpernellen kriegen! Schon wenn man das Wort hört denkt man sofort an „zimperlich“ und „zart besaitet“. Das Gegenteil traf aber auf sie zu, denn sie war robust und selbstbewusst. Nur kannte niemand diese Seite von ihr, denn sie zeigte sich nie von ihrer starken Seite. Aber das gehörte nun der Vergangenheit an. Denn alles hatte sich geändert wegen der stürmisch verliebten Zeiten, die sie in den letzten Monaten verbracht hatte.

Sie gluckste fröhlich vor sich hin, denn sie war auf dem Weg zum Standesamt. In Zukunft würde ihr Liebster sie nur noch „Petruschka“ rufen.

******

Für Christianes abc.etüden für die ich diese Woche die Worte spendete. Ludwig hat sie wie immer wunderbar ins Bild gesetzt.

 

Anschauungsunterricht: Frankfurter Grüne Soße

2018_08_2_zwei„Welche sieben Kräuter liegen hier vor euch und gehören in die Frankfurter Grüne Soße rein“, fragte die Biobäuerin am Marktstand die Mädchen und Jungen der 10a des Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums, die heute in Biologie mit ihrer Lehrerin lebendigen Anschauungsunterricht praktizierten.

„Borretsch, Sauerampfer, Kerbel, Kresse, Petersilie, Schnittlauch“, fing Sabine an und zeigte auf die grünen Stengel und geriet ins Stocken. „Pimpinelle“, ergänzte Achim, Klassenbester in Biologie, „oder auch Pimpernell oder kleiner Wiesenknopf genannt und wird vor allem im Frankfurter Raum angebaut“. Die Marktfrau strahlte ihn anerkennend an und wickelte die Kräuter in Zeitungspapier.

„Alle Kräuter sind zwar hier drin“, setzte sie an, „aber aus dem Bio-Anbau mussten

wir einige Kräutlein aus einer anderen Region dazukaufen, deshalb sind es nicht nur Frankfurter Kräuter, denn die Frankfurter Grüne Soße ist ein geschützter Name und alle Kräuter müssen aus Frankfurter Landwirtschaft sein, da es aber seit Tagen stürmt und wie aus Gießkannen schüttet, stehen die Gärten und Äcker unter Wasser und deshalb sind eben nicht alle aus Frankfurt und das müssen wir unseren Kunden immer sagen“.

Der Wetterbericht sagte für heute wieder eine Schlechtwetterfront voraus, die lustigerweise Pimpinelle heißt, denn dieses Jahr sollten nicht Vornamen die Wetterfronten zieren sondern botanische Namen aus dem Kräutergarten. Sturm Basilikum hatte sich gerade verzogen und Pimpernell war im Anmarsch. Die Bäuerin hielt die Zeltplane ihres Marktstandes und die Schüler*innen die Schirme fest, weil es innerhalb von Sekunden stürmte und regnete und das Regenwasser gluckste vergnügt in den Bordsteingulli. Weiterlesen

abc etüden. textwoche 08. meine wortspende.

2018_08_2_zweiGuten Morgen, gestern war ich im Erdbebensimulator – hierüber schreibe ich noch – und anschließend haben wir uns eine Wohnung angeschaut, die an der Limmat liegt. Darüber schreibe ich wohl auch noch, wo wir eigentlich anfänglich wohnen wollten IN ZÜRICH und dann gelandet sind – in Richterswil.

Aber nun zu den Etüden. Christiane hat mich wieder zu einer Wortspende eingeladen für diese Woche. Und als „alte“ Frankfurterin (in der Schweiz würde man sagen Zuzügerin) ist mir das schöne Wort Pimpinelle zugeflogen (ich liebe Frankfurter Grüne Soße). Außerdem sollten es noch ein Verb und ein Adjektiv sein. Et voilà!

Hast Du Lust mitzuschreiben? In zehn Sätzen diese 3 Worte verpacken in eine Geschichte, die Dir dazu einfällt.

Mir gefällt sehr, wie Ludwig die Wörter wieder ins Bild gesetzt hat. Herzlichen Dank.

Hier entlang zur Einladung in Christianes Blog.

Ich finde es immer wieder sehr spannend mit welcher Phantasie die Mitschreiber*innen ihre Geschichten erzählen. Und ich habe eine Redewendung aus dem Ruhrgebiet kennengelernt: „die Pimpernellen kriegen„.

Ich kaue noch auf der Pimpinelle rum … Ihr lest von mir.

Jedes Jahr ein Souvenir

 

Wo hatte sie sie bloß hingeräumt?

Sie überlegte und suchte fieberhaft, denn zwischenzeitlich hatte sie im Keller und auch auf dem Dachboden alle Umzugskisten und Schubladen in ihrer kleinen Wohnung durchgewühlt, in der sie erst seit wenigen Wochen wohnte .

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, wenn sie an ihn dachte.

Jedes Jahr brachte er ihr vom Oktoberfest eines dieser hellgrauen Miniatur-Bierkrüglein mit, ein Souvenir, das jährlich anders bemalt war. Mal zierte das Krüglein ein helles Edelweiß, dann wieder eine goldene Kuhglocke oder eine schlüsselblumengelbe Blüte.

Er war immer so glücklich, wenn er ihr sein Geschenk überreichte. Weiterlesen