abc.etüden. Schneechaos ohne Winterreifen – die Rettung

2019_0607_1_300Geistesgegenwärtig drehte er sich noch einmal um und schaltete die Warnblinkanlage an. In der Ferne erkannte er hinter dem Schneeflockenvorhang ein schwaches Licht. Darauf steuerte er zu und hoffte inständig, dass jemand zuhause war. Er stolperte und schlingerte mit seinen inzwischen völlig durchweichten Kalbslederslippers auf dem schneebedeckten Asphalt. Spürte er überhaupt noch seine Arme und Füsse? Er umfasste seine nassen Finger und rieb sie kräftig. In den Schuhen bewegte er seine eiskalten Zehen. Die feuchte Kälte zog tief in seine Knochen. Nur langsam kam er voran bis er schließlich vor dem Licht stand. Es strömte aus einer Laterne, die über einem Hauseingang hing. Dieser gehörte zu einem alten aber renovierten Bauernhof so weit er das im Schneegestöber erkennen konnte.

Ein Hund kläffte. Die Krallen seiner Pfoten waren direkt hinter der Haustür zu hören: Ein sanftes Klicken auf dem Steinboden. Weiterlesen

abc.etüden: Ohne Winterreifen im Schneegestöber

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Ich freue mich, dass mich Christiane eingeladen hat drei Wörter zu spenden. Diese drei Wörter gilt es nun in max. 300 Worten in einen Text zu packen. Es sind schon sehr schöne und lesenswerte Artikel von anderen Mitschreiber*innen entstanden. Klickt doch mal hin. Und hier nun meine erste Story.

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Winterreifen hätte ich aufziehen sollen“, dachte er als er sein Auto mit Sommerpneu schlingernd zum Stehen brachte. „Jetzt sitzt ich fest. Irgendwo im No-where.“ Kein Schild, kein Hinweis, keine Ortstafel. Nichts war zu sehen. Dafür Schneeflocken. So dick und so dicht dass ihm klar wurde: Hier geht heute gar nix weiter. Eines wusste er sicher: Er befand sich irgendwo zwischen Hamburg und den Schweizer Alpen. Irgendwo zwischen Basel und Bern parallel zur Autobahn. Die Autovignette für 40 Schweizer Franken wollte er nicht bezahlen. Dafür war er zu geizig. Die hätte ihm aber eine geräumte und schneefreie Autobahn beschert. 

“Hätte – hätte – Fahrradkette“, knurrte er. „Hätte ich die blöde Autovignette gekauft und mir ans Fenster geklebt, wäre ich ein ganzes Stück weiter“. In Gstaad-Saanen wurde er erwartet zur Geburtstagsfeier seines Freundes Pierre. Shit, schimpfte er. Shit, shit, shit.

Er stieg aus dem Wagen, schlitterte mit seinen dünnen Halbschuhen über die Straße, seinen Mantel mit Kapuze tief übers Gesicht gezogen und übersah den Ast, stolperte, und fiel der Länge nach in den Schnee. Weiterlesen

abc.etüden: Der Sprung in der Schlüssel

2019_0405_2_300Die Wörter für die Textwochen 04/05 kommen aus Wien, und zwar von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée. Ich sitze im Zug von Frankfurt nach Zürich und hatte Zeit zu schreiben. Et voilà meine zweite Geschichte zu diesen drei Wörtern.

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Die Salatschlüssel hatte sie von ihrer geliebten Oma geerbt. Weißes Porzellan mit Blümchenmuster in hellblau und rosa mit Goldrand. Die Schüssel steht seit Jahr und Tag auf dem Regal in ihrem Wohnzimmer. Gefüllt ist sie mit Süßigkeiten: bunte Bonbons und farbig verpackte Schokolade liegen drin. 

Die Schüssel hat seit ewigen Zeiten einen Sprung der wie eine Narbe seidig glänzt. Er verläuft leicht schräg vom Schüsselboden zum oberen Rand. Das Gefäß steht so in der Regalwand, dass der Sprung unsichtbar bleibt für andere. Immer wieder wird sie darauf angesprochen wie schön das alte Erbstück neben ihren modernen Accessoires aussieht.

Wie sehr sie ihre Oma in diesen turbulenten Zeiten vermisst. So gern Weiterlesen

abc.etüden: Marianne übernehmen Sie

2019_0405_1_300Bei Christiane im Blog ist viel los. Es werden so interessante wie unterschiedliche Geschichten in max. 300 Wörtern geschrieben. Sehr sehr lesenswert!

Die Wörter für die Textwochen 04/05 kommen aus Wien, und zwar von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée.

Es war wie verhext: nachdem ich das Wort „übernehmen“ las, kreiste in meinem Kopf der Satz „Kobra übernehmen Sie“. Was mache ich bloß daraus? Et voilà.

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„Marianne, übernehmen Sie“ dachte sie, als sie zum allerersten Mal ihren Nachtdienst begann. Jede Nacht das gleiche Ritual auf der Station. Sie würde nun 12 Stunden Dienst schieben müssen. Wie sollte sie das nur schaffen? Am liebsten hätte sie sich sofort selbst ins Bett gelegt. Ihr fehlt Schlaf, Schlaf, Schlaf. Wie in Trance bewegt sie sich über den Flur und öffnet die Tür zur Küche. 

Sie nimmt die große weiße Salatschlüssel vom Regal, stellt sie vor sich Weiterlesen

abc.etüden. Winston und der Meisenring

2019_0203_1_300Auf ein gutes und schreibfreudiges 2019.

Die neuen Wörter für die Textwochen 02/03 spendet bei Christiane im Blog Etüdenerfinder Ludwig Zeidler.

Wie immer gilt es die gespendeten Wörter in maximal 300 Wörtern in eine Geschichte zu packen.

Auf den Mittwoch freut sie sich immer. Es ist IHR Tag um mit dem süßesten Labrador überhaupt Gassi zu gehen. Vormittags um zehn Uhr ist ihr kleines Date mit dem Hund. Jedesmal macht sie sich beschwingt auf den Weg, geht ins Haus der Nachbarin und lockt ihn mit einem lauten Schnalzen. Winston fängt dann sofort an zu Bellen vor Freude. Sie hält ihm ihre Hand hin zur Begrüßung und er tanzt und springt an ihr hoch. Draußen schnappt er sich seinen Ball und los geht’s.

An einer Weggabelung bleibt er immer stehen und wartet. Er weiß genau: hier Weiterlesen

abc.etüden: Notizen und ein Telefonat während einer Zugfahrt

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Für Christianes abc.etüden, Woche 45/46.2018:
3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Bettina und lauten: Knirps, grotesk, notieren.

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Sie saß im Zug. Sie war auf dem Weg zu ihren Freunden. Sie holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Sie hatte es immer bei sich, denn sie liebte es im Zug zu schreiben. Hinter ihr hörte sie eine männliche Stimme:

„Ja, das können wir ganz in Ruhe mit unserem Berater klären. Ja klar, kann ich die finanzielle Situation neu berechnen. Der Berater erhält eine Zahl von mir. Nein, wir treffen uns dort. Genau um 11 Uhr. Das Gespräch wird eine Stunde dauern.“

Sie notierte in ihr Büchlein: Ich freue mich auf Hannes und Lisa. Wie es den beiden wohl geht? Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen?

„Ich schlage vor, dass wir das alles in ruhigem Ton und in neutraler Atmosphäre klären. Du hast schlecht über mich geredet. Du kennst meine Position, die werde ich nicht ändern. Ich stehe dazu“, führte er weiter in sehr gefasstem Ton aus.

Die Worte drangen an ihr Ohr und sie schrieb weiter: Zwei Kinder haben die beiden jetzt, zwei und fünf Jahre. Ob sie mich mögen werden?

„Wir werden mit dem Berater gemeinsam darüber sprechen und klären, wann ich unsere Kinder sehen kann“ meinte der Mann mit der sehr angenehmen Stimme hinter ihr.

Nun hielt sie inne, legte ihren Stift zur Seite. Sie freute sich seit Tagen auf die beiden Knirpse ihrer Freunde und der Typ hinter ihr diskutiert mit seiner zukünftigen Ex. Sie spürte ihren Ärger ansteigen. Das war ja wohl grotesk, hier mitten im Zug solch eine Unterhaltung zu führen, die alle mit anhören konnten. Sie schnappte ihren grellgelben Knirps, drehte sich um und fuchtelte dem gut aussehenden jungen Mann damit vor der Nase herum. „Zusammen bleiben ist besser! Das rate ich Ihnen!“.

Sprach’s und stieg aus. Sie war an ihrem Zielbahnhof angekommen und sah ihre Freunde schon weitem.

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abc.etüden: Von der Muse geküsst in Zypern

2018_4344_2_300Die neuen Wörter für die Textwochen 43 und 44  stiftete Bernd von redskiesoverparadise. Sie lauten:

Pfründe
mondän
lassen.

3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.
Von meiner sehr geschätzten Blog- und Schreibkollegin Christiane von „Irgendwas ist immer“.

Heute hat mich Aphrodite auf Zypern becirct und meine Muse geküsst. Ich hatte einen Etüdenhänger der heute mit dem kräftigen Wind weggepustet wurde.

10 Wörter haben wir heute nacheinander aufgezählt um sie dann genau in der gleichen Reihenfolge zu einer Geschichte zu verwursten. Pfründe war nicht dabei aber «Kanarienvogel» und «Heizkissen». Auch «Kiosk» und «fliegen». Ich schreibe seit gestern wieder mit großer Freude und Lust. Wir machen lustige Schreibspiele oder texten Elfchen und Rondells. Heute durften wir in eine selbstgemachte Wundertüte greifen und fischten einen Gegenstand heraus. Weiterlesen