abc.etüden nach der Unbehaustheit haschen

2019_4748_2_300Die Wörter für die Textwochen 47/48 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die abc.etüden werden liebevoll von Christiane gehütet und zeitintensiv gepflegt.

(Meine Etüde hab ich noch einmal gefeilt … von gestern auf heute … im Flow ohne Großbuchstaben … textlich nichts verändert)

Die beiden geben alles auf Haus Garten Scheune Wohnsitz außer ihre Fahrräder und ihr Auto sie überlegen ob sie sich ein Wohnmobil anschaffen sollen wie würde ihr zukünftiges Leben aussehen wo würden sie sein bleiben wohin würden sie reisen würden sie überhaupt reisen und wenn dann wohin über Europas Grenzen hinaus mit dem Wohnmobil oder mit dem Flugzeug oder würden sie einem Freund nacheifern der mit dem Containerschiff nach Amerika schipperte alles lag im Ungewissen sie würden sich spontan entscheiden sich von Tag zu Tag neu orientieren über ihr neues Leben ihre Unbehaustheit würden sie wöchentlich bloggen sie wissen nicht ob sie schwermütig würden oder sich voller Freiheit ins Abenteuer stürzen würden ihren Blog wollen sie Unbehaustheit-Blog nennen sie würden sich auf eine neue unbekannte Reise begeben ohne Haus und Hof ohne Wohnung ohne Bleibe sie wären unbehaust kein Dach über dem Kopf das ihnen gehört weder angemietet noch gekauft eines wissen sie sicher sie wollen frei sein keine Verpflichtungen haben für ein Jahr wollen sie sich ausprobieren nach einem Jahr wäre ihnen hoffentlich klar wo sie alt werden wollen jetzt können sie sich nicht festlegen sie haben Angst einen Fehler zu machen lieber wollen sie austesten wohin es sie zieht sie würden eine Woche hier bleiben und vier Wochen dort vielleicht würden sie aber auch täglich woanders übernachten Ferienwohnungen oder airbnb-Bleiben locken für die außergewöhnliche Freiheit die sie suchen erst gestern lösten sie ihr Bücherregal auf gemeinsam packten sie alles in Kisten die Bücher wollen sie in den öffentlichen Bücherschrank am Marktplatz stellen ihre Möbel hatten sie verschenkt das Wichtigste das sie zum Leben brauchen packen sie in zwei große Koffer Laptops Handys ein paar wenige Bücher Klamotten Lieblingssachen ihr Reisesouvenir aus Asien und sein Schachspiel aus Holz sie hascht nach seiner Hand.

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Ich habe ein neues Format ausprobiert: Stream of Consciousness = Bewusstseinsstrom (siehe James Joyce „Ulysses“ der das über 100 Seiten praktiziert hat; ausprobiert von Nicole in unserer Totenhemd-Blogaktion, die mich inspiriert hat).

abc.etüden. Die Schreibübung

2019_4546_1_300.jpgDank Christianes abc.etüden sind wir immer wieder neu eingeladen drei gespendete Wörter in einem Text mit maximal 300 Wörtern unterzubringen. Die Wörter für die Textwochen 45/46  kommen von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“.

Die Schreibübung wollte, dass sie einen kleinen weißen Zettel mit einem Substantiv und einen kleinen blauen Zettel mit einem Adjektiv aus dem Bastkorb fischte. Sie schloss die Augen, als ihre Finger zwischen den zusammengefalteten Papierchen wühlten. Stumpf und kühl tasteten ihre Fingerkuppen an den Zetteln. Sie fischte erst eines und dann ein anderes. Ein weißes und ein blaues Papierviereck lagen nun vor ihr.

Sie faltete die Papierschnipsel auseinander und las die beiden Worte, die sie nebeneinander legte: „recycelbares Himmelsleuchten“. Die Workshopleiterin instruierte nun den zweiten Arbeitsschritt: „Überlegt mal, ob diese beiden Wörter für etwas stehen können, das ihr gerne ausdrücken wollt. Lasst der Phantasie freien Lauf. Alles ist erlaubt. Wir haben ja vorhin über Metaphern gesprochen und wie man sie nutzen kann“. Weiterlesen

Buchtipp: Der Fetzen von Philippe Lançon

9783608504231.jpg.39364Längst wollte ich von diesem Buch und dem Autor erzählen. Ich habe diesen 551-seitigen Wälzer von der ersten bis zur letzten Seite mit Spannung gelesen.

Philippe Lançon hat vor wenigen Tagen in Darmstadt den Hermann-Kesten-Preis erhalten für sein Buch „Der Fetzen“.

Lançon hat am 7. Januar 2015 das Attentat auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris schwer verletzt überlebt.

Durch eine Rezension in der Sonntags FAZ bin ich auf sein Buch aufmerksam geworden. In „Der Fetzen“ schreibt er über das Attentat auf das Verlagsbüro, seinen zerschossenen Unterkiefer (er war weg) und seinen Krankenhausaufenthalt. Wir werden Zeuge der Rekonstruktion seines Kiefers und damit seines Martyriums im Krankenhaus und der daran anschließenden REHA. Er überstand 19 Operationen und noch viel mehr. Er hat von Anfang an weitergekämpft für das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit.

Der Fetzen.
Oder er sagt auch Lappen.
Manchmal Schnitzel, weil der Hautlappen rosa glänzt. Weiterlesen

abc.etüden Teil III. Klara schreibt ein Gedicht

 2019_4344_2_300Teil I: Schwärmen

Etüde II: Der Koffer ist da

Klara nimmt den schweren Koffer und hievt ihn einseitig schleppend zur Treppe, die zum Lift führt. Sie schaut noch einmal über die Schulter, ob sie Alexis entdecken würde. Aber von ihm ist weit und breit keine Spur. Wahrscheinlich muss er sich um das Mädchen kümmern, überlegt Klara. Morgen sehe ich ihn ja wieder während des Frühstücks, freut sie sich. Ihren Koffer stellt sie im Zimmer ab. Mit ihrem Notizbuch schwingt sie sich auf die gemütliche Sonnenliege  und schreibt:

Liebe
so
ein warmer Klecks
der sich farbenfroh
ausbreitet
wie ein Mantel
sich um Dich legt
um mich
mein Herz ist erfüllt
von meiner Liebe
für Dich
Das Leben.

Blaue Sehnsucht
Tropft in mein Herz
Ziehend
Pochend
Ruft nach Dir
Möchte dich zart küssen
Die Liebe die sich in mir ausbreitet. Weiterlesen

Ich mach ein Lied

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geknipst vorm Flughafen am Tag meiner Abreise

Ich mach ein Lied
aus zitronengelbem Meeresspiegelblick
und milchiggelbem Aprikosenquark
sticke Plankton mit dem Bleistift
auf die Tischplatte

Voll☀️ Sonne in jeder Pore
und Wärme die sich getankt bündelt
in Haut und Härchen
das Meeresrauschen in den Ohren
und den Duft von Meeresbrise in der Nase
den Geschmack von Zimt gebunkert auf der Zunge
die Zugvögel am Himmel im inneren Auge erkennend
lässt den kühlen Herbst verblassen ☺️☀️ Weiterlesen

abc.etüden. Der Koffer ist da

2019_4344_2_300Teil II zu meiner Etüde: Schwärmen.

Klara sah Alexis näher kommen. Es würde noch eine Weile dauern bis er sie erreichen würde. Sie fragte sich, ob es wohl sein Kind ist, das er an der Hand hält. Das Kindermädchen hatte wohl abgesagt?

Sie schaute auf das Meer und erkannte die Zugvögel, die im eleganten Zickzack-Vogelflug vor der Küste auf- und abschwangen.

Inzwischen war Tag 6 nach Klaras Landung auf Zypern. Ihr Koffer war immer noch nicht da. Tobsuchtsanfällig hatte sie den Reiseleiter beschimpft, der natürlich völlig unschuldig war. Aber irgendwo musste ja ihre wütende Ohnmacht hin. Sie hatte sich neu eingekleidet. Hatte jeden Cent ausgenutzt, der ihr für den Kofferverlust zustand. Bunte Sommerkleider, neue luftige Seidenschals, einen grell orangefarbenen Bikini und rosafarbene Slips hatte sie ausgesucht. Zwischenzeitlich hatte sie sich beruhigt und den Koffer samt Inhalt abgeschrieben. Es gibt Schlimmeres, betete sie sich mantragleich vor. Es gibt wirklich Schlimmeres.  Weiterlesen

abc.etüde. schwärmen

Was liegt näher als im Schreibworkshop auf Zypern, während dem ich auch Pausen habe zu schreiben? Gerne mal wieder eine Etüde für Christianes Blog. Die Wörter für die Textwochen 43/44 hat Ulli Gau gespendet aus ihrem Café Weltenall.

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Ein Vogelflug aus vielen hundert Tieren zieht eine große Schleife, zeichnet dabei ein graues Muster in den blauen Himmel. Girlandengleich. Vorn an der Spitze der Leitvogel. Er ist der stärkste von allen. Er gibt die Richtung vor, trägt die Verantwortung für die große Schar. Alle anderen Zugvögel schwärmen hinter ihm her in einem großen V. Sie vertrauen blind.

75A3B8F8-B211-4229-92C5-DDA6E14A3A4BKlara sitzt weit oberhalb des Strandes an der Blauen Lagune. Ein phantastisch weiter Blick liegt vor ihr. Am Horizont mischen sich Himmel und Meer in ein blass diesiges Blau –  verflüchtigen sich ins Nichts. Sie lächelt glücklich. Immer wieder kommt sie ins Schwärmen über „ihre“ Insel. Und über Alexis.

Ob Alexis kommen wird? fragt sie sich ängstlich. Sie fiebert bereits dem ersten Kuss entgegen. Während er ihr heute morgen Kaffee servierte, fragte sie ihn ob er sie treffen mag. Am Nachmittag zu einem Spaziergang in die Blaue Lagune. Weiterlesen