Kinofilm: Das Erste und das Letzte

 

Ich dachte ich gehe in einen Film, den ich dann im Totenhemd-Blog vorstellen kann. Weil es um den Tod und das Sterben geht. Werde ich dort auch rebloggen. Um was es aber vor allem ging, war die prägende Kindheit der an Krebs erkrankten Jacqueline von Kaenel, die ihr Leben noch einmal Revue passieren lässt. Wir sehen glückliche und strahlende Familienfotos aus Kindheitstagen und erfahren ganz allmählich, dass die Mutter grausame Erziehungsmethoden nutzte, um ihre Kinder in Angst und Schrecken aufwachsen zu lassen.

Jacquelines Mutter 1937 geboren erlebte als Kind den 2. Weltkrieg und damit wiederum eine Mutter (Jacquelines Großmutter), die wohl selbst hart strafte und mit Liebesentzug strafte. Es gab da so einen Satz aus dem Tagebuch der Mutter, ich zitiere: „Wann bist Du wieder gut mit mir?“

Der Film geht deshalb sehr unter die Haut. Das Thema Kriegsenkel wird hier nicht ausgesprochen ist mir aber gleich in den Sinn gekommen, wie sehr es das Leben der Protagonistin geprägt hat, die erst durch den bevorstehenden Tod sich vom Trauma befreit und in Frieden sterben kann.

Sehr faszinierend fand ich auch die teils schrille/schräge Musik und die Sequenzen, in der Skizzen entstanden. Das Filmbulletin schreibt dazu: die langsam entstehenden und nicht vorhersehbaren Zeichnungen von Anja Kofmel …., nehmen in Kaspar Kasics’ Das Erste und das Letzte viel Raum ein. Die Langsamkeit, die Konzentration, mit der wir den Pinselstrichen folgen, verdichten sich zu meditativen Momenten.

Einfach (mal Tochter) sein … Stichwort Parentifizierung

indexWenn sich Kinder um ihre Eltern kümmern müssen, dann nennt man das „Parentifizierung“. Ich habe diese Seiten während unseres Netzwerkabends aus Ingrid Meyer-Legrands Buch letzte Woche vorgelesen. Ingrid hat es sehr gut erklärt und vertieft:

„Die Kinder, die ihre Eltern schon in jungem Alter unterstützen, entwickeln sehr früh hohe emotionale, praktisch-organisatorische und soziale Fähigkeiten, um den vielfältigen Aufgaben der Eltern und manchmel der ganzen Familie gerecht zu werden. In der Rolle der Ersatzeltern und Tröster, der fehlenden Gesprächspartner, mit denen man alle Entscheidungen durchspricht und abwiegt, übernehmen sie für sich selbst, für ihre Eltern und häufig auch für ihre Geschwister Verantwortung. Wie bereits ausführlich beschrieben, kommen bei vielen noch weitere Rollen hinzu, nämlich die des Ersatzpartners oder der Ersatzpartnerin oder die der Mediatoren …

… für ihre Bedürfnisse ist kein Platz und sie sollten in jedem Fall zurückstehen. Sie haben sich um die Bedürftigkeit anderer zu kümmern. Was passiert, wenn Kinder nicht Kinder sein können, weil ihre Eltern hilflos sind? Sie leben ihre Rolle als Kinder nicht. Sie wissen nicht, was Kind sein bedeutet. Sie müssen sich von Beginn an selbst organisieren und Verantwortung übernehmen: und über allem steht als ihr wichtigstes Anliegen, die Eltern zu retten und zu entlasten. Es gibt keine Instanz, die ihnen sagt, was zu tun ist und wann es genug ist, was sie nicht machen sollten oder besser doch und warum. Sie über- oder unterfordern sich in einem fort“.

Mit Ingrid Meyer-Legrand hatte ich einige Coachinggespräche geführt zum Thema „Kriegsenkel-sein“. Irgendwann sagte sie dann: „sei einfach mal Tochter“. Ich erinnere mich, dass mich das total überfordert hat. Was KÖNNTE es denn bedeuten und was würde ich dann anders machen???

Ich weiss ganz einfach nicht wie es geht und was ich Weiterlesen

Was ist Dein Dudelsack?

51TBt4q35ML._SX313_BO1,204,203,200_… fragt mich Tanja in ihrer Buchwidmung an mich. Wir haben uns auf der Tagung der Kriegsenkel kennengelernt und unsere Bücher getauscht. Mir hat auf Anhieb diese Frische ihres Buches gefallen. Ein sehr ansprechender Buchumschlag. Grün! Passt jetzt auch prima in den Frühling.

„Was ist Dein Dudelsack?“ ist nicht die einzige sehr gute Frage, die Tanja in ihrem Buch stellt. Nein! Viele gute Fragen stellt sie. Die lassen sich nicht einfach mal eben so beantworten. Da braucht es auch ein bisschen Muße um sich Gedanken zu machen. Dennoch ist das Buch der Autorin ein tolles Lesebuch. Ihr Schreibstil ist lebendig und sehr einladend weiterzulesen.

Ich habe drei Erzählstränge entdeckt, die sich parallel in diesem Buch entwickeln.

Ich persönlich war total neugierig auf Tanjas Hobby: Dudelsack spielen. Ich habe so viel über dieses Instrument gelernt. Großartig. Und zwar gelingt ihr dies indem sie jedes Kapitel mit einem kleinen delikaten Detail spickt.

„Die Stimmung einer Great Highland Bagpipe ist eine Wissenschaft für sich. Verwirrend und irritierend. Es braucht ein gutes Gehör und Jahre an Erfahrung sowie ständiges Ausprobieren, um einen Dudelsack einigermaßen richtig zu stimmen. Und auch dann hört er sich oft nicht stimmig an. Das gehört zu seinem Wesen. Alle Drones werden nach dem Pipe Chanter auf A gestimmt – allerdings tiefer. Die beiden Tenor-Bordunpfeifen werden eine Oktave, die Bass-Bordunpfeife sogar zwei Oktaven tiefer als der Chanter gestimmt. Das bedeutet, dass die gesamte Great Highland Bagpipe über insgesamt drei Oktaven verfügt“.

Respekt, Madame! Man muss richtig atmen können und braucht eine enorme Fingerfertigkeit. Außerdem Ausdauer, Lang-Mut, Neugier und Durchhaltevermögen. UND: ZEIT: man muss nämlich fleißig Üben, Üben, Üben.

Die zweite Parallel“geschichte“ ist, dass uns die Coach viele gute Fragen stellt und uns den Veränderungsprozess erst einmal gründlich erklärt. Das ist das A und O. Das hat mir sehr gut gefallen und habe ich vorher auch noch nie in dieser Tiefe gelesen. Weiterlesen

Netzwerkabend am 27. April: Die Psyche der Kriegsenkel. Ganzheitlich gesunden.

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Quelle: Pixelio: Walter Bornmann

Andrea Mohr und ich veranstalten einen Vortrags- und Netzwerkabend für Frauen.

Am Donnerstag 27. April von 17.29 bis 20 Uhr in den Räumen von inmetra, Vanessa Vetter, in Frankfurt.

„Symptome sind Formen von Kommunikation. Als solche sind sie häufig wichtige Anzeichen oder Hinweise auf Entwicklungsprobleme, die im Begriff sind, ins Bewusstsein zu treten.“ Milton H. Erickson

 

Unsere Einladung als PDF mit allen Details.

Wir bieten einen Frühbucherpreis an von 15 Euro bis 15. April.

Sehen wir uns? Ich freue mich auf neue Begegnungen und ein Wiedersehen mit „alten Bekannten“.

Buchtipp: Die Heimat der Wölfe von Raymond Unger

51dugktmskl-_sx304_bo1204203200_Während meiner Heimreise von Frankfurt an den Zürichsee habe ich das Buch von Raymond Unger fast fertig gelesen. Es liest sich wie ein Krimi: Es ist eine typisch kalte Wolfsnacht im Jahr 1924 und ein Wolf kommt auf den Hof. Dieser Anfang der Geschichte ist sehr spannend erzählt.

Dass es Raymond nicht einfach hatte in seinem Leben wird schnell klar. Seine Geschichte beginnt in Bessarabien. Jawohl. In Bessarabien. Auch noch nie gehört? Ich auch nicht. Bessarabien war früher Moldawien bzw. Teile der Ukraine und ist eine historische Landschaft (so heißt es bei Wikipedia). So wie es Raymond im Buch mit einem Augenzwinkern beschreibt – oder war es in seinem Vortrag? – fand ich es sehr amüsant. „Kommt er aus Arabien?“.
Ich habe überhaupt mehrfach laut gelacht und geschmunzelt während dem ich seine Geschichte las. Er hat interessante und lustige Redewendungen benutzt, die ich nicht in meinem Sprachgebrauch habe.

Dass Raymond Raymond heißt hat einen ganz bestimmten Grund. Könnt Ihr Euch vielleicht denken. Sein Vater steckt dahinter. Ich finde diese Stelle des Buches, die die Namensgebung erklärt sehr sympathisch bzw. seinen Vater finde ich da sympathisch, den man eigentlich sonst gerne anfauchen möchte: „Hallo. Hier spielt das Leben“. Aber er versteckt sich förmlich bei seinen Tauben im Taubenschlag mehr oder weniger fast sein ganzes Leben. So gefrustet ist er.

Gott sei Dank hat Raymond im hinteren Teil des Buches den Stammbaum aufgemalt. Es besteht nämlich die Gefahr, dass man die Personen verwechselt und nicht mehr weiß wo der Autor neu anknüpft. „Wer war noch mal Ina? Ewald? Peter? Katja? Helga?“ Und wo sind wir jetzt? In Neu Wulmstorf, Fürstenfeld oder Chicago?

Hierüber war ich manchmal überrascht und auch verwirrt: Er hüpft zwischen den Welten und den Zeiten und den Personen. Ein System oder Struktur habe ich darin nicht erkannt. Und da wären wir dann auch schon beim Kriegsenkel Raymond. Struktur gab es nämlich nicht wirklich in seiner Herkunftsfamilie. Vielleicht viel Zwanghaftes. Wenn ich weiter nachspüre denke ich, dass dieses während des Lesens aufkommende Gefühl „jetzt muss ich mich zurechtfinden oder neu orientieren“ genau das Lebensgefühl seiner Familie beschreibt. Wie oft war dies die größte Herausforderung in ihrem Leben!

Der Autor beschreibt wie er sich „ausprobiert“ als Weiterlesen

Den Gegenentwurf gestalten. Das Resümee der Kriegsenkeltagung.

img_5283Ich hatte sie sofort ins Herz geschlossen: Jennifer Heinrich aus Hamburg hatte die Aufgabe, in ihren Worten die Tagung zu resümieren.

Ich sage nur: das ist ihr trefflich gelungen!!!!

Jeder Vortrag wurde von ihr noch einmal unter die Lupe genommen (wie im Tanzprojekt die hängenden Lupen am Kleiderbügel: „etwas unter die Lupe nehmen“ … „genau betrachten“).

Sie hat es großartig gemacht.

Mein Resümee für Ihren Vortrag:

Sie hat Worte gefunden, dort wo ich sprachlos geblieben bin und Weiterlesen

Zweitzeugin sein. Tagung der Kriegsenkel. Sonntagmorgen.

HEIMATSUCHER e.V. ist das Zweitzeugenprojekt in der deutschen Erinnerungskultur und Bildungslandschaft. Als Zweitzeug*innen tragen wir die Geschichten der Schoah für die Zeitzeug*innen weiter und erreichen damit Schüler*innen ab der 4. Klasse.

Für einen Kirchgang war letzten Sonntag keine Zeit. Ich war ja auf der Kriegsenkeltagung im Taunus. Keine Predigt der Welt hätte so gut sein können wie Vanessa Eisenhardts Vortrag an diesem Sonntagmorgen.

Da stand sie: die sympathische, junge Referentin vom Verein Heimatsucher. Ihr schwer verdauliches und berührendes Thema hat sie mit einer Leichtigkeit, mit einer Tiefe, mit einem bezaubernden Lächeln rübergebracht. Nach den ersten Sätzen habe ich geheult und nicht mehr aufgehört.

Diese junge Doktorandin, die da vor uns stand, war im Namen ihres Vereins HEIMATSUCHER in Israel und hat mit ihren Kolleg*innen Holocaustüberlebende interviewt.

Mich berührte dieses besondere zugewandte Interesse und dieses besondere Engagement junger Menschen! Vanessa Eisenhardt stellte uns „ihre“ Schoah-Überlebenden so sympathisch und nah vor. Wir waren sozusagen direkt verbunden mit Chava oder mit Israel … ihre Geschichten rührten uns an. Weiterlesen