Vernissage

2018_09_2_zweiSie wusste sie würde erblinden, sie hatte noch ein Jahr. Ihr Augenarzt informierte sie erst vor wenigen Wochen darüber und sie hatte ihn gehasst für diese Diagnose. Für eine erfolgreiche Künstlerin wie sie es seit Jahren war, schluckte sie schwer daran, aber sie hatte da eine Idee für ihren nächsten Auftrag. Ihr Kunde meinte etwas bräsig zu ihr, „machen Sie etwas Besonderes, etwas das die Herzen bewegt“.

Sie würde besondere Worte auf Holztafeln meißeln und diese dann an der Ausstellungswand kreuz und quer aufhängen. Auf der gegenüber liegenden Wand würde sie die gleichen Worte in der sogenannten Brailleschrift, einer Blindenschrift präsentieren.

Seit Tagen sammelte sie die Worte in ihrem Kopf und wählte aus: Weiterlesen

Spitzname Pimpinelle

2018_08_2_zwei„Pimpinelle“ hatten sie sie früher gerufen. Das war ihr Spitzname und sie hasste ihn und all diejenigen, die sie so gerufen hatten. Was hatte sie sich darüber geärgert, zum Pimpernellen kriegen! Schon wenn man das Wort hört denkt man sofort an „zimperlich“ und „zart besaitet“. Das Gegenteil traf aber auf sie zu, denn sie war robust und selbstbewusst. Nur kannte niemand diese Seite von ihr, denn sie zeigte sich nie von ihrer starken Seite. Aber das gehörte nun der Vergangenheit an. Denn alles hatte sich geändert wegen der stürmisch verliebten Zeiten, die sie in den letzten Monaten verbracht hatte.

Sie gluckste fröhlich vor sich hin, denn sie war auf dem Weg zum Standesamt. In Zukunft würde ihr Liebster sie nur noch „Petruschka“ rufen.

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Für Christianes abc.etüden für die ich diese Woche die Worte spendete. Ludwig hat sie wie immer wunderbar ins Bild gesetzt.

 

Anschauungsunterricht: Frankfurter Grüne Soße

2018_08_2_zwei„Welche sieben Kräuter liegen hier vor euch und gehören in die Frankfurter Grüne Soße rein“, fragte die Biobäuerin am Marktstand die Mädchen und Jungen der 10a des Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums, die heute in Biologie mit ihrer Lehrerin lebendigen Anschauungsunterricht praktizierten.

„Borretsch, Sauerampfer, Kerbel, Kresse, Petersilie, Schnittlauch“, fing Sabine an und zeigte auf die grünen Stengel und geriet ins Stocken. „Pimpinelle“, ergänzte Achim, Klassenbester in Biologie, „oder auch Pimpernell oder kleiner Wiesenknopf genannt und wird vor allem im Frankfurter Raum angebaut“. Die Marktfrau strahlte ihn anerkennend an und wickelte die Kräuter in Zeitungspapier.

„Alle Kräuter sind zwar hier drin“, setzte sie an, „aber aus dem Bio-Anbau mussten

wir einige Kräutlein aus einer anderen Region dazukaufen, deshalb sind es nicht nur Frankfurter Kräuter, denn die Frankfurter Grüne Soße ist ein geschützter Name und alle Kräuter müssen aus Frankfurter Landwirtschaft sein, da es aber seit Tagen stürmt und wie aus Gießkannen schüttet, stehen die Gärten und Äcker unter Wasser und deshalb sind eben nicht alle aus Frankfurt und das müssen wir unseren Kunden immer sagen“.

Der Wetterbericht sagte für heute wieder eine Schlechtwetterfront voraus, die lustigerweise Pimpinelle heißt, denn dieses Jahr sollten nicht Vornamen die Wetterfronten zieren sondern botanische Namen aus dem Kräutergarten. Sturm Basilikum hatte sich gerade verzogen und Pimpernell war im Anmarsch. Die Bäuerin hielt die Zeltplane ihres Marktstandes und die Schüler*innen die Schirme fest, weil es innerhalb von Sekunden stürmte und regnete und das Regenwasser gluckste vergnügt in den Bordsteingulli. Weiterlesen

Jedes Jahr ein Souvenir

 

Wo hatte sie sie bloß hingeräumt?

Sie überlegte und suchte fieberhaft, denn zwischenzeitlich hatte sie im Keller und auch auf dem Dachboden alle Umzugskisten und Schubladen in ihrer kleinen Wohnung durchgewühlt, in der sie erst seit wenigen Wochen wohnte .

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, wenn sie an ihn dachte.

Jedes Jahr brachte er ihr vom Oktoberfest eines dieser hellgrauen Miniatur-Bierkrüglein mit, ein Souvenir, das jährlich anders bemalt war. Mal zierte das Krüglein ein helles Edelweiß, dann wieder eine goldene Kuhglocke oder eine schlüsselblumengelbe Blüte.

Er war immer so glücklich, wenn er ihr sein Geschenk überreichte. Weiterlesen

Endlich vergessen und sich immer weiter drehen

2018_04_2_zweiaSie stand genau unter der funkelnden und blitzenden Discokugel und drehte sich und drehte sich zur Musik.

Endlich alles vergessen können, das wollte sie.

Sie fühlte sich schlecht, hatte sie sich doch vorgenommen nie mehr etwas mitgehen zu lassen.

Der Song war nach ihrem Geschmack und sie drehte sich und drehte sich, es wurde ihr gar nicht schwindelig.

Vergessen wollte sie, dass sie schon wieder geklaut hatte. Sie konnte die Finger nicht lassen von schönen bunten Dingen. Es war wie ein Sog, wenn Sie einen besonders schönen grellen Lippenstift oder rosafarbenen Lipgloss in Händen hielt. Sie stellte sich dann immer wieder vor wie schön sie damit aussehen würde, mit angemalten Lippen.

Und sie drehte sich und drehte sich mit ihren roten Lippen auf der Tanzfläche.

Sie würde eher wahnsinnig werden als schwindelig wenn sie jetzt aufhörte sich zu drehen.

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Das war eine kurzweilige und volle Woche, in der ich fürs Bloggen und Schreiben wenig Zeit hatte. Deshalb auf den letzten Drücker mein Beitrag für die jetzige Textwoche bei Christiane im Blog. Die Wörter stammen von Sabine, wortgeflumselkritzelkram.