Buchtipp: Der Fetzen von Philippe Lançon

9783608504231.jpg.39364Längst wollte ich von diesem Buch und dem Autor erzählen. Ich habe diesen 551-seitigen Wälzer von der ersten bis zur letzten Seite mit Spannung gelesen.

Philippe Lançon hat vor wenigen Tagen in Darmstadt den Hermann-Kesten-Preis erhalten für sein Buch „Der Fetzen“.

Lançon hat am 7. Januar 2015 das Attentat auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris schwer verletzt überlebt.

Durch eine Rezension in der Sonntags FAZ bin ich auf sein Buch aufmerksam geworden. In „Der Fetzen“ schreibt er über das Attentat auf das Verlagsbüro, seinen zerschossenen Unterkiefer (er war weg) und seinen Krankenhausaufenthalt. Wir werden Zeuge der Rekonstruktion seines Kiefers und damit seines Martyriums im Krankenhaus und der daran anschließenden REHA. Er überstand 19 Operationen und noch viel mehr. Er hat von Anfang an weitergekämpft für das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit.

Der Fetzen.
Oder er sagt auch Lappen.
Manchmal Schnitzel, weil der Hautlappen rosa glänzt.
Ihn retten während dieser 2-jährigen Tortur die Lektüre seiner geliebten Klassiker. Während des Wartens zum Beispiel vor dem OP.
Baudelaire, Kafka, Kundera, Mann, Proust, Sarte, Shakespeare – um nur einige zu nennen. Er zitiert daraus und wir fliehen in andere Romanwelten, in Prosa oder Poesie, um das Unerträgliche überhaupt zu ertragen. Das ist das Besondere an diesem Buch, das wir diese langen Unterbrechungen, in denen uns der Autor entführt in seine Gedankenwelt über das Gelesene, manchmal verfluchen und dann wieder begrüßen. Uns wird damit deutlich gemacht, dass es Zeit brauchte und Geduld von der ersten Minute an.

Während der Behandlungen und Operationen hörte er klassische Musik bevorzugt Beethoven oder Bach. Und wir sind versucht während der Lektüre es ihm gleich zu tun: schöne Musik aufzulegen und uns mitnehmen zu lassen in gewaltige Klangwelten.

Ich habe mit ihm gesabbert und gelitten. Ich habe mit ihm gestöhnt, wenn der Verband gewechselt wurde und mich gefreut, wenn er Besuch bekam. Er schrieb auf eine Tafel vom ersten Tag an nach dem Attentat. So kommunizierte er mit den Ärzten, Krankenschwestern, Freunden und seinen Eltern. Eine PEG-Sonde ernährte ihn. Sehr schnell schrieb er auch wieder Geschichten für Charlie Hebdo.

Seine große Rettung und Glück war eine ehrgeizige und junge Ärztin, Spezialistin auf dem Gebiet der Gesichtschirurgie. Haut und Knochen seines Schienbeins (vielleicht war es auch das Wadenbein, bin mir nicht mehr sicher) geben ihm sein heutiges Aussehen.

Hier geht es zu den Informationen bei Klett-Cotta.

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