Im Gespräch

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geknipst auf dem Heimweg … gerade eben

Im Zug angekommen packe ich meinen Laptop aus und genieße die Ruhe. Hinter meinem Rücken nehmen zwei weitere Zuggäste Platz. Ich vermute, dass sie schwerhörig sind so laut wie sie sich miteinander unterhalten. Ich denke: ich muss mich wegsetzen. Dann überlege ich: Nee, das Leben schenkt dir die Geschichten, die du schreiben willst, wie heute morgen im Workshop gelernt. Also kannste ja ein bisschen zuhören.

Die beiden Alten unterhalten sich laut, werfen sich die Sätze hin und her. Sie sprechen SEHR laut. Abwechselnd. Mal er. Mal sie. Ich schaue nach hinten und sehe ein altes faltiges Frauengesicht. Sie guckt mich an, ich sie auch und drehe mich wieder um. Schaue ich schräg über meine Schulter sehe ich ein altes Männlein, das eine französische  graue Kappe trägt. Von der Seite erkenne ich ein faltenloses Gesicht.

Er schimpft über die Züge und die Fahrtzeiten. Sie schauen einem Zug hinterher, der gerade nach Arth-Goldau abfährt. Wir stehen immer noch in Zürich. Gleich geht’s los.

Sie scheint in ihr Handy zu schauen und erzählt etwas übers Wetter. Erst nächste Woche soll es wieder wärmer werden.

Ich brüte derweil über meine abc.etüden-Geschichte und schreibe unkonzentriert. Mal höre ich zu und verstehe nur einzelne Wörter: „Knecht war er“. Mal blende ich das Gespräch hinter mir aus. Dann sagt er: „Meine Kappe die trage ich immer“.

Es muss noch ein Schluss in meine Etüde. Ein Ende, das mir vorhin nicht in die Tasten floss.

Unruhig rutscht sie auf ihrem Sessel hin und her. Sie will ihr endlich die Neuigkeit erzählen. Lilli lässt ihr aber keinen Raum und keine Zeit. „Hey, das ist gut, findest du nicht?“ Und zeigt auf eine Illustrierte, die neben ihr liegt. Ein Kopf war zu sehen. Ein Gesicht, eine Schere, Nadeln, bunte Fäden, Skizzen, Zahlen. Lillli meint: „Das ist gut. Daraus knüpf ich mein nächste Kurzgeschichte“. Und flüstert weiter: „Ich schreibe einen Kurzkrimi“.

Ich höre seine Stimme: Wir müssten mal wieder ins Appenzeller Land.
Sie: Ja, da lag Schnee in den letzten Tagen.
Er: Ja, wenn es wieder wärmer ist, sollten wir mal wieder ins Appenzell fahren. Man unternimmt immer so wenig.

Er schimpft, während dem ich schreibe:

Sie freut sich, dass Lilli so fröhlich ist und sagt: „Du Lilli, ich werde wegziehen“.

„Abends um diese Zeit stehe ich immer in der Küche. Und genau dann ruft sie an. Herrschaftszeiten! Sie weiß genau dass ich dann in der Küche bin“.

Wohltuende Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Endlich.

Als ich ausstieg überlegte ich: sind sie ein Paar oder Bruder und Schwester oder befreundete Nachbarn? Kommen Sie von einer Beerdigung oder von einer Geburtstagsfeier? Sie stiegen mit mir aus.

Ich zog weiter um mit einem Freund Kaffee zu trinken. Ich erzählte ihm gleich, was ich erlebte und sprach auch von meinen Überlegungen, ob sie wohl ein Paar sind oder Schwester und Bruder. Er meinte: „ein Paar kann wie Schwester und Bruder miteinander sein.“

Mir hat gefallen wie sehr die beiden im Austausch waren. Welche eine Lebendigkeit, welch ein Ping Pong, das die beiden im Zugabteil öffentlich machten. Mein Freund meinte (der manchmal sehr schlecht hört): „Ich höre noch gut, musst nicht so schreien“. Könnte sein dass andere Gäste im Café uns zuhörten und somit stille (ungewollte) Zuhörer*innen waren.

2 Gedanken zu „Im Gespräch

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