Schwerhörigkeit – nicht ganz Ohr?

61382D4B-340C-4798-9C01-2C570C9470D3Schwerhörig: schwer hören oder schlecht hören oder
nicht so gut hören. Nicht mehr ganz Ohr sein.

Kellner: Was möchten Sie zu Ihrem Rumpsteak trinken?
Sie: Ist das Rumpsteak ein großes Stück Fleisch? Ja, gerne mit Kartoffeln.
Der Kellner antwortet entsprechend und fragt erneut:
Was möchten Sie denn dazu trinken?
Sie: Ja, ich esse es gern medium gebraten.
Der Kellner fragt zum dritten Mal nun etwas lauter:
Was möchten Sie denn gern dazu trinken?
Und bekommt nun eine Antwort.

Unter Hörverlust (Hypakusis, auch Hypoakusis) versteht man einen teilweisen oder vollständigen Verlust des Hörvermögens. Die Ausprägung der Störung kann von leichter Schwerhörigkeit bis zur Gehörlosigkeit reichen und vielfältige Ursachen haben. Nach einer Untersuchung 2017 sind in Deutschland etwa 16 % der erwachsenen Gesamtbevölkerung (18 Jahre und älter) nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisationschwerhörig. Naturgemäß steigt der Anteil Schwerhöriger mit zunehmendem Alter. (Quelle: Wikipedia)

Ich kenne mittlerweile vier Schwerhörige und erhalte öfters als Antwort:

Häää?
Wie bitte?
Waaaas?

Drauf erzähle ich ein zweites Mal, wiederhole das Gesagte.
Mal freundlich. Mal weniger freundlich.

Doch! Ich habe Verständnis.
Vor allem sind wir nun alle in dem Alter, in dem Augen und Ohren nachlassen.

Es gibt Momente da machen mich diese Situationen

wütend, hilflos, ratlos.

Manchmal streike ich und wiederhole das Gesagte nicht.
Manchmal frage ich laut, wenn ich keine Antwort oder Resonanz bekomme:

Hast du mich verstanden?

Das gefällt den Schwerhörigen nicht gut, hab ich mir erzählen lassen.
Weil ich sie daran erinnere, dass sie schwer hören?

Je nachdem, welche Lautstärke und Tonhöhe eine Person nicht mehr hört, unterscheiden Ärzte verschiedene Grade der Schwerhörigkeit von der TaubheitGeringgradige Schwerhörigkeit: Zum Beispiel hört der Betroffen nicht mehr das Ticken einer Armbanduhr (Hörverlust von 20 bis 40 dB).

Quelle: https://www.beobachter.ch/gesundheit/krankheit/schwerhorigkeit

Aber ich wünsche mir ja eine Antwort im Gespräch oder eine Reaktion.
Manches kann ich mit Schwerhörigen nicht besprechen im öffentlichen Raum,
dann würden viele andere Ohren mithören.
Im Restaurant, im Zug …
Also bleibe ich stumm wie ein Fisch im öffentlichen Raum.

Manchmal werde ich hilflos angeguckt, damit ich das Gesagte=Nichtgehörte übersetze für den Kellner beispielsweise.
Je nach Tagesstimmung funktioniere ich und übersetze.
Manchmal verweigere ich mich aber.

Dann hadere ich mit mir, weil ich auf mein Gegenüber wütend werde.
Wie kann man bloß so eitel sein, frage ich mich dann.
So ein hübscher Knopf im Ohr oder an der Brille.
Mit oder ohne Diamanten in Silber oder bunt sieht doch noch ganz lustig aus.

Von anderen weiss er, dass deren Hörkraft über Jahre langsam nachliess. Und entsprechend lange brauchten sie, um es sich einzugestehen. Auch Hinweise aus Familie oder Freundeskreis werden oft ignoriert. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre, bis Betroffene etwas gegen ihre Schwerhörigkeit unternehmen.

Quelle: https://www.beobachter.ch/gesundheit/medizin-krankheit/horgerate-wieder-ganz-ohr

„Wer nicht hört, ist blöd“, ist so eine Mär oder?
Man will sich keine Blöße geben mit einem Hörgerät?
Weil sie dann als dümmlich oder dämlich abgestempelt werden?
Als alt?

Je nach Grad der Schwerhörigkeit fallen beispielsweise Gespräche immer schwerer oder Betroffene drehen die Lautstärke von Radio und Fernseher hoch, oftmals ohne dass ihnen ihr Hörproblem bewusst ist. Durch eine starke, nicht ausgeglichene Schwerhörigkeit kann das soziale Leben beeinträchtigt sein – depressive Verstimmungen sind dann als weitere Symptome und Folge der Hörprobleme möglich.

Quelle: https://www.beobachter.ch/gesundheit/krankheit/schwerhorigkeit

Wenn sie wüssten wie hilflos sie manchmal wirken –
wenn sie so tun als ob sie verstünden.

Mit einem Hörgerät endlich wieder „in der Welt“ ankommen und mitten drin sein?
Was muss es unbewusst ein starkes Anliegen sein,
Stimmen verschwommen zu hören … gar nix zu hören.

So klingt Hörverlust – hab ich mir grad angehört:
https://www.hear-the-world.com/de/knowledge/hearing-loss/what-hearing-loss-sounds-like

Sie hörte „Rand“.
Ich sagte „Strand“.

Wer weiß was sie/er sich so zusammen reimt über mein Gesagtes …
… und dann sauer wird oder sprachlos?

Meine Ohren sind sensibel.
Ich hab die Nase voll von Missverständnissen wegen Schwerhörigkeit.
Ich wünsche mir, dass er/sie wieder ganz Ohr ist!

Hier gibt es einen Online-Hörtest (den ich gleich mal gemacht habe).

Wie steht es um deine Ohren?
Wie gehst du mit Schwerhörigen um?

14 Gedanken zu „Schwerhörigkeit – nicht ganz Ohr?

  1. Heikles Thema. Bei mir kommt`s gerade auf. Mein ältester Sohn spricht sehr leise, schon immer. Jetzt wird er manchmal sauer, wenn ich zum x-ten Mal nachfrage. Mit anderen habe ich nicht das Problem. Mal sehen. Danke für diese ausführliche Schwerhörreportage!

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    • sehr heikles Thema!
      Dein Ältester könnte ja mal für sich den Online-Hörtest machen … und wenn er leise spricht könnte das ggfs. was anderes bedeuten? Yepp. Abklären!
      Danke fürs Vorbeigucken. Herzlich. Petra

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  2. Ich bin eine „berufene Quelle“ und will deswegen was dazu sagen.
    Meine ersten Hörgeräte bekam ich 2004. Nach 13 Hörstürzen und zwei starken Mittelohrvereiterungen 2003 im rechten Ohr bin ich gleich und sofort zum Akustiker gegangen – dennoch ist es im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden, obwohl ich immer sehr hochwertige Geräte trage.
    Schwierig in geräuschvoller Umgebung, auch wenn die Hörsteller behaupten, dass Störlärm ausgeblendet wird.
    Nicht die Lautstärke ist meist das Problem. Bei mir sind es zu schnelles Sprechen, zu undeutliches oder nuscheliges Sprechen, fast alle Dialekte und Fremdsprachen schaffe ich nicht, zu verstehen – aber da hatte ich auch schon mit relativ gesunden Ohren meine Probleme.
    Ich habe mich nie wegen meiner Geräte geschämt, wurde aber immer wütend, wenn Leute, die es seit Jahren wissen, mich zum Beispiel beim Doppelkopfspielen ausklammern.
    Ich glaube, ich selbst bin die, die am unglücklichsten ist.
    Fernseher läuft von Anfang an über ein Zusatzgerät und Bluetooth-Übertragung direkt in die Geräte – der Fernseher bleibt stumm für andere.
    Ich liebe die Technik – momentan Phonak und warte schon, wenn ich in 1,5 Jahren neue Geräte mit Zuzahlung der Kasse bekomme.
    Mit anderen „Ohren“ wäre ich glücklicher.

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    • Ich bin froh um die Diskussion, liebe Clara.
      Ich selbst war mal in einer Tinnitius-Klinik und habe die Schwerhörigen erlebt und auch dass es sehr schwierig ist in lebendiger Geräuschkulisse gut zu verstehen oder wo Geräusche her kommen. Hab da selbst auch alles möglichen „Spielarten“ erlebt :-). Tinnitus und Schwerhörigkeit sind sicher sehr schlimm.

      Ich versuche mich einzufühlen und verstehe schon, dass es sehr schwierig ist und bei dir ja wohl nicht altersbedingt. Das ist meiner Meinung wieder etwas anderes und Du versorgst dich gut.

      Ich bin halt ein bisserl sauer auf diejenigen, die nun älter werden und die es vor sich herschieben. Aber wie ich ja gelesen habe dauert es 7 Jahre bis jemand aktiv wird.

      Ein Freund von mir, schwerhörig, probierte es mit den Hörgeräten, in der Schweiz SEHR teuer … und hat sie wieder zurückgegeben. Ist sicher nicht einfach die ganze Technik am Ohr zu händeln.

      Ein anderer älterer Herr wollte, dass sein Enkelkind nicht immer alles doppelt sagen muss und hat sich deshalb Hörhilfen besorgt – das finde ich sehr süß von ihm für die Enkelkinder! … und seitdem versteht er auch die Gattin wieder ;-).

      Toi toi für die neuen Geräte, von denen du schreibst.
      Ich hab übrigens seit der Klinik keinen Tinnitus mehr. Der war stressbedingt.

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      • Einen Tinnitus hatte ich ganz zu Anfang meiner Schwerhörkarriere – ich habe ein Heidengeld für eine Einrichtung an der Uni ausgegeben, wo ein U-Boot simuliert wurde. Der Unterdruck sollte helfen, aber geholfen hat es nur der Uni und ihren Finanzen.
        Doch zum Glück ging er Tinnitus weg, als durch die Hörgeräte genügend Input kam.
        Nein, bei mir ist es keine reine Altersschwerhörigkeit, denn zu Beginn sagte mein Akustiker immer, dass meine Ohren 20 Jahre älter wären als ich.
        Bei mir ist das linke Ohr noch halbwegs, damit kann ich besser ohne als mit Hörgeräten telefonieren. Aber auch da kann ich mit beidn Ohren über Bluetooth telefonieren.
        Mein Akustiker ist ganz stolz auf mich, weil ich so technik(geil)begeistert bin.

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      • Auch wenn es dein Leid ist, liebe Clara, freue ich mich von Dir zu lesen und zu lernen! Mit Bluetooth telefonieren klingt gut! Mit der Außenwelt verbunden.
        Kannst selbst stolz auf dich sein wie du das meisterst! Hut ab!

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    • Du hast gemerkt, dass ich das nicht wusste. Hab ich ausgeklammert die Schüler*innen und Jugendlichen … weiß ich nicht und kenn ich nicht wirklich. Muss ich mal drauf aufpassen, wenn ich mit der Jugend zusammen bin. Danke für diese Perspektive.

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      • Oh nein, ich habe nicht gefunden, dass in deinem Text ein Bereich fehlt, nur gehören eben die Jugendlichen zu meinem täglichen Umfeld 🙂

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  3. Auch ich bin schwerhörig und arrangiere mich meistens recht gut. Auch gehe ich offensiv mit meiner Hörbehinderung um und weise lieber einmal mehr als einmal weniger darauf hin.Trotzdem bleiben Probleme manchmal nicht aus, und wenn die Situation schlecht ist, muss mein Gegenüber sich trotzdem mehrfach wiederholen (ich bin auf einem Ohr taub und auf dem anderen mittelgradig schwerhörig, da bleib nicht viel). Das nervt und frustriert dann beide Seiten. Es ist eben immer ein Balanceakt. Aber danke, dass du das Thema aufgreifst, es sollte viel mehr darüber geredet werden.

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    • Guten Morgen, liebe Viola, danke dass Du uns dazu schreibst. Ich glaube, das tut allen sehr gut, wenn du dazu stehst und darüber redest. Geht mir dann auch besser und ich habe dann großes Verständnis. Wenn man rumdruckst und es eher ignoriert und ständig „was?“ sagt oder hilflos guckt, dann ist das blöd.
      Ich freue mich, dass es eine positive Resonanz gibt zu dem Thema, das ich hier beschrieben habe … ich glaube dir gern, dass es immer ein Balanceakt ist.

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