Von Athen lernen

Da ist doch mal eben mein Text verschwunden mit all den Fotos und Links und Informationen! Uff. Zunächst werde ich den Text einstellen … und die Fotos folgen sukzessive … und die Links dazu auch … viel Spaß beim Lesen:

IMG_6413Warst Du schon einmal in Athen? Hast Du schon einmal die Documenta besucht? Für mich war beides die Premiere. Ich war 4 Tage und 3 Nächte in Athen. Letzte Woche bin ich dienstags hingeflogen und Freitagabend war ich zurück. Ich las im Feuilleton der SonntagsFAZ eigentlich ein negatives Resümee zum Start der Documenta14. Ich war neugierig und buchte meinen Flug und ein schönes Zimmer in einem Hotel unterhalb vom Lycabettus Hill.

1955 fand die erste Documenta in Kassel statt. Die 14. also eröffnete in Athen und wird in Kassel weitergeführt. Auch das ist eine Premiere: die Kunstausstellung wird erstmalig in zwei verschiedenen Städten gezeigt und startete vor einigen Wochen in Athen. Eine geteilte Kunstausstellung. Die Documenta ist die weltweit bedeutendste Kunstreihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst und dauert jeweils 100 Tage. Sie findet alle 5 Jahre statt. Das Motto der diesjährigen Veranstaltung: Von Athen lernen. Und man lernt gleich, dass der Kurator zu einem Perspektivwechsel einlädt. Weg von Kassel hin zu Athen um dann später in Kassel fortzusetzen. Auf jeden Fall hat er damit etwas für den Tourismus und die Wirtschaft getan. Die Touristen folgen dem Ruf und besuchen die Kunstausstellung. Falls Du lieber einen Dokumentarfilm schauen magst, dieser hier auf DW TV hat mir sehr gut gefallen:

IMG_6415Ich hatte mich einigermaßen gut vorbereitet auf die Stadt und auf die Ausstellungsörtlichkeiten. Online buchte ich einen Documenta-Spaziergang im Odion, dem Konservatorium der Stadt Athen. Ich versprach mir etwas „für die Ohren“. Wir waren um 11 Uhr da und waren etwas erstaunt, dass wir nur zu viert waren. 4 Besucher für diesen Kunst-Walk in dieser riesigen Stadt! Das sogenannte „Chorus“-Mitglied namens Mat, der uns die Exponate und Hintergründe dazu vorstellte, ist dem griechischen Gedanken/Ritual entsprungen, die Zuschauer und Besucher zu informieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Mat kommt aus Polen und ist für die kreative Umsetzung der Ausstellung im Team mitverantwortlich. Mat erzählte uns, dass anfänglich bis zu 12 Besucher bei den Spaziergängen teilnahmen. Er vermutet, dass zum Ende hin wieder mehr Besucher mitspazieren und sich informieren. Das Ende wird Mitte Juli sein.

Wirklich gelungen fanden wir, dass neben der Ausstellungszeit der normale Alltag des Konservatoriums weiterlief: wir hörten Musik aus der oberen Etage. Die Räume wurden also nicht exklusiv angemietet sondern es fand beides parallel statt: die Hochschule neben der Kunstausstellung. Wir hörten auch die Frog-Symphony: eine Installation im byzantischen Museumsgarten. Es wurde gequakt und gezirpt und gezwitschert.

IMG_6424Eine interessante Installation war bereits im Eingangsbereich zu sehen und zu hören: 3 Bildschirme nebeneinander aufgehängt. Der linke zeigte das deutsche Parlament. Angela Merkel las gerade eine Erklärung vor. Der rechte zeigte die Live-Übertragung aus dem griechischen Parlament und in der Mitte war die Akropolis zu sehen über die Webcam: die griechische Fahne flatterte im Wind.

Von Athen lernen zeigt mir in dieser Installation:

  1. Die unterschiedlichsten Dinge passieren zur gleichen Zeit und wenn es nur die wehende Fahne ist auf der Akropolis, die sich nicht beirren lässt trotz aller parlamentarischer Diskussionen. Sie ist da und flattert im Wind.
  2. Zwischen den beiden Parlamenten, dem deutschen und dem griechischen, besteht eine enge Beziehung über die Geldpolitik. Und dennoch werden in den Parlamenten unterschiedliche Dinge besprochen und diskutiert und abgestimmt. Sie sind örtlich weit voneinander entfernt, man spricht verschiedene Sprachen.
  3. Das was eint und der ganzen Welt gehört: ist die Akropolis: Weltkulturerbe und ein wahrhaft monumentales Wahrzeichen für Großmacht und Demokratie. Menschen aus aller Welt besuchen die Akropolis täglich. Dagegen: die jeweiligen Parlamente werden eigentlich nur von den Politikern und einigen wenigen Tagesgästen „besucht“.

Drei sogenannte Spaziergänge werden in Athen angeboten um die vielen Exponate und Installationen an den verschiedensten Orten zu erkunden. Inhaltlich waren die Schwerpunkte anders gesetzt. Wir haben es verpasst im Contemporary Art Museum einen zweiten Spaziergang zu unternehmen. Dieses Gebäude ist eine alte Brauerei. Die Rolltreppen führen in Wellen von Etage zu Etage – wenn man von unten nach oben schaut. War das Odeion eher dunkel eingerichtet so strahlte das Contemporary Art Museum in hellem Weiß.

Von Athen lernen mitten im Stadtteil ….

IMG_6404Wir haben Athanasios getroffen, unseren Führer aus Athen, der uns seine Stadt von einer ganz anderen Seite zeigte: Die Krise war sichtbar: geschlossene Geschäfte, Arbeitslose bzw. Obdachlose prägten das Straßenbild. Ein attraktives Stadtprojekt in einer Straße mit stillgelegten alten Fabriken und lustigen Lampenschirmen (im Video kurz ab 23.52 zu sehen) lädt ein zum Verweilen und Diskutieren. Man will die Menschen ins Gespräch bringen, das Projekt erklären, die Nachbarn vereinen. Wir betrachteten Kunst außerhalb der Documenta: Wallpainting sowie Fotokunst in alten Wohnhäusern, in dem früher Arbeiter wohnten. Ganz in der Nähe das beste Fallafel-Take-away.

Die Menschen, die wir angesprochen haben, weil wir etwas suchten oder unterwegs einen Rat brauchten, waren alle sehr freundlich. Und sie sprechen alle Englisch. Das ist unglaublich. Eine Stadt, in der man nicht unbedingt Griechisch beherrschen muss! Aber jedes griechische Wort wird willkommen geheißen und die Menschen sind dann noch freundlicher.

IMG_6427Gelesen und gelernt habe ich: Athen ist eine sehr quirlige und kreative Stadt. Sie zieht junge Menschen an, junge Selbständige, die in offenen Bürogemeinschaften arbeiten, aber auch Menschen mit geringer Rente beispielsweise aus Deutschland, die sich hier Wohnraum leisten können. Ich las in einer Schweizer Zeitung das Athen „hipp“ ist. Alle! 😉 wollen hin. Alle wollen dort leben und arbeiten: eine Krise bietet natürlich immer viele Möglichkeiten und Herausforderungen.

IMG_6406Ich liebe es gern heiß. Ich mag den Sommer. Und ich mag heißes trockenes Wetter. In Athen weht immer ein kühles Lüftchen vom Meer. Das war großartig. Sehr attraktiv: Athen liegt am Meer, man kommt schnell in die Hafenstadt Piräus oder fährt auf die eine der Inseln und genießt das Wochenende am Meer. Unglaublich sind die Nächte: Nahe unserem Hotel waren einige Tavernen und ein Sommerkino, die bis Mitternacht voll besetzt waren. Die Menschen gehen trotzdem früh zur Arbeit, machen ein langes Schläfchen am späten Nachmittag und gehen dann ab 22 Uhr los in die Nacht, zum Essen und Freunde treffen. Ich habe gelesen, „der Grieche/die Griechin“ ist nie allein, er/sie ist immer in Begleitung unterwegs.

IMG_6428Die Straßen sind sehr eng, der Müll stapelt sich an den Straßenecken, weil gestreikt wird, die Gehsteige sind schmal und kaputt, viele Bäume sind gepflanzt worden … eines der Ausstellungsprojekte war der Athener Müll, der im Odion zu sehen war. Der Künstler presst diesen Müll in Büchern, die man kaufen kann für 79 Euro. Der Erlös finanziert sein „weißer Rauch-„Projekt in Kassel „Expiration Movement» des Künstlers Daniel Knorr. Eine interessante Verbindung zwischen den beiden Städten.

IMG_6438Außerdem findet in Athen gerade das Greek Festival statt. Herrliche Musik und andere Aufführungen sind zu hören und zu sehen. Ich hatte einen Abend im Herodes Atticus Theatre bei der Akropolis gebucht. Die Stimmung war toll! Ich war noch nie in einer Outdoor-Arena, deshalb habe ich es besonders genossen. Es war nicht ausgebucht. Dieses Theater kann 5000 Besucher fassen. Wenn ich mir vorstelle, dass es dann sehr eng und sehr nah wird zwischen den Besucherbeinen und -rücken, könnte es dem einen oder der anderen den Atem nehmen, weil es dann sehr unbequem ist auf den Steintribühnen zu sitzen.

Was kann man noch von Athen lernen?

Ein Bekannter aus Athen meint: Widerstand leisten! Sehen wir die Athener auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament streiken, weil ihnen die Jobs weg genommen werden oder die Steuern extrem erhöht wurden, dann ist das rebellisch und kämpferisch. Sie sind mutig, sie wollen leben, sie wollen ein bisschen mehr Leben. Wann haben wir zum Beispiel gegen die Altersarmut in Deutschland oder die Pflegemisere, die viele Menschen betreffen wird, gestreikt? Sind wir mit unserer Politik einverstanden? Ich bin nachdenklich geworden neben all dem Schönen und Interessanten.

Nützliche Links – ergänze ich noch:

Hier sieht man einige Exponate im Odeion und hier im Contemporary Art Museum.

In diesem Blog schildert Wolfgang Neisser seine Athen-Eindrücke

Hier ist die Website zu den Spaziergängen.

4 Gedanken zu „Von Athen lernen

  1. Pingback: Einmal im Leben … | Totenhemd-Blog

  2. Pingback: Außenwerke der Documenta 14 - der Spaziergang einer Ahnungslosen - Septemberfrau

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