Einfach (mal Tochter) sein … Stichwort Parentifizierung

indexWenn sich Kinder um ihre Eltern kümmern müssen, dann nennt man das „Parentifizierung“. Ich habe diese Seiten während unseres Netzwerkabends aus Ingrid Meyer-Legrands Buch letzte Woche vorgelesen. Ingrid hat es sehr gut erklärt und vertieft:

„Die Kinder, die ihre Eltern schon in jungem Alter unterstützen, entwickeln sehr früh hohe emotionale, praktisch-organisatorische und soziale Fähigkeiten, um den vielfältigen Aufgaben der Eltern und manchmel der ganzen Familie gerecht zu werden. In der Rolle der Ersatzeltern und Tröster, der fehlenden Gesprächspartner, mit denen man alle Entscheidungen durchspricht und abwiegt, übernehmen sie für sich selbst, für ihre Eltern und häufig auch für ihre Geschwister Verantwortung. Wie bereits ausführlich beschrieben, kommen bei vielen noch weitere Rollen hinzu, nämlich die des Ersatzpartners oder der Ersatzpartnerin oder die der Mediatoren …

… für ihre Bedürfnisse ist kein Platz und sie sollten in jedem Fall zurückstehen. Sie haben sich um die Bedürftigkeit anderer zu kümmern. Was passiert, wenn Kinder nicht Kinder sein können, weil ihre Eltern hilflos sind? Sie leben ihre Rolle als Kinder nicht. Sie wissen nicht, was Kind sein bedeutet. Sie müssen sich von Beginn an selbst organisieren und Verantwortung übernehmen: und über allem steht als ihr wichtigstes Anliegen, die Eltern zu retten und zu entlasten. Es gibt keine Instanz, die ihnen sagt, was zu tun ist und wann es genug ist, was sie nicht machen sollten oder besser doch und warum. Sie über- oder unterfordern sich in einem fort“.

Mit Ingrid Meyer-Legrand hatte ich einige Coachinggespräche geführt zum Thema „Kriegsenkel-sein“. Irgendwann sagte sie dann: „sei einfach mal Tochter“. Ich erinnere mich, dass mich das total überfordert hat. Was KÖNNTE es denn bedeuten und was würde ich dann anders machen???

Ich weiss ganz einfach nicht wie es geht und was ich anders machen KÖNNTE. Was sagen? Was fragen?

Wie kam es dazu?

Ich bin eine sogenannte Kriegsenkelin. Mein Vater musste als 16-Jähriger als Soldat im Krieg „an der Flak dienen“ und meine Mutter hat als Kind in den Bombennächten mit ihrer Mutter im Bunker gesessen. Sie trug Strümpfe oder Strumpfhosen aus aufgeribbelten Jutesäcken, erzählte sie uns.

Mein Vater war 31, meine Mutter 21 als ich auf die Welt kam. Sehr früh lernte ich zurecht zu kommen in der großen Welt der Gastronomie. So viele Menschen um mich herum, unsere Gäste. Von morgens bis abends … unser Gastraum mit bis zu 200 Sitzplätzen war unser Wohnzimmer.

Im Laufe meiner Kindheit und Jugend hatte ich die verschiedensten Rollen innerhalb der Familie inne: ich wurde beispielsweise schnell zur Ersatzmutter meiner jüngsten Schwester. Da war ich 9. Mit 13 musste ich den ersten Teller zu einem Gast tragen, weiß ich noch wie heute. Ein paar Würstchen mit Sauerkraut und Brot. Weiter hatte ich ein paar sehr blöde aber anspruchsvolle Rollen gegenüber meinen Eltern, später war ich dann Büffetfräulein bzw. stellvertretende Hoteldirektorin in unserem Hotel-Restaurant mit 20 Betten und 200 Sitzplätzen im Sommer.

Ingrid hat mich nun gefragt, wie man sich von der Mutter oder dem Vater ablösen

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hat meine Mutter gemalt

könnte aus dieser „ganz besonderen Bindung“, die ja oft bis heute existiert, egal ob die Eltern leben oder schon tot sind.

Ich habe da nicht wirklich Antworten, weil ich es nicht weiß. Aber ich hatte da eine Spur, eine Idee:

  • Einfach nur „sein“ – nix machen, nix reden, nix trösten
  • mich verwöhnen oder trösten lassen
  • nicht ich treffe die Entscheidungen, ich lasse los
  • es darf mir besser gehen, mein Leben darf leuchtender und bunter sein

Auf Ingrids Tipps freue ich mich und werde sie gern ausprobieren … und dann wohl an meine Grenzen stossen ?

3 Gedanken zu „Einfach (mal Tochter) sein … Stichwort Parentifizierung

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