Balladenmontag: Junge, wiste ’ne Beer?

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Bei Christiane ist heute Balladenmontag. In ihrem Blog hat sie aufgerufen, nach Balladen zu schauen, vielleicht nach DER Lieblingsballade und sie erklärt auch sehr schön, was eine Ballade ausmacht.

Balladen sind Romanhandlungen oder zumindest Episoden, die der Autor in Gedichtform gebracht hat. Das macht das Gedicht in der Regel länger, okay, und zumindest wenn es eine klassische Ballade ist, macht es das Gedicht auch gereimt (auf jeden Fall gibt es so etwas wie ein Versmaß).

Die Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ beginnt mit dem Herbst. Deshalb passt sie vielleicht nicht ganz hierher, weil ja jetzt Frühling ist. Aber dennoch. Ich verbinde mit ihr ganz schöne Erinnerungen. Die Erzählung haben wir auf jeden Fall im Deutschunterricht unter die Lupe genommen. Und ich bin mir nicht ganz sicher ob sie in einem gelben Reclamheft abgedruckt war, auf jeden Fall war es ein kleines Büchlein, das ich in den Händen hielt. Ich erinnere mich dunkel an Skizzen vom Birnbaum und dem Herrn von Ribbeck.

Theodor Fontane hat die Ballade 1889 geschrieben. Es gilt als das wohl bekannteste Gedicht aus seiner Feder.

Was mir an Christianes Balladenaufruf gefällt: dass man sich mal wieder mit etwas beschäftigt, was man sonst nicht macht (ich nicht mache). Mir war nämlich nicht bewusst, dass es die Familie von Ribbeck in Ribbeck tatsächlich gab und immer noch gibt. Das kann man hier in der Familienchronik schön nachlesen.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Vor allem diese letzten Zeilen mit ihrem Trost und Segen, dass Herr von Ribbeck auch nach seinem Tod noch präsent war und durch den Birnbaum, der auf seinem Grab wuchs, andere Menschen mit seinen Früchten beschenkte … es wisperte in den Ästen und in den Blättern: „Wiste ’ne Beer?“

Wunderbar, über den Tod hinaus „lebendig“ zu bleiben, findest du nicht auch? Und um welche Birnensorte handelt es sich wohl? Es musste eine Sorte sein, die man in die Hosentaschen stopfen konnte. Es war die römische Schmalzbirne, auch Melanchthon-Birne genannt – sehr schön hier beschrieben.

Heute erzählt Dittrich von Ribbeck die Geschichte höchstpersönlich.

 

Wiste ’ne Beer? 😉

4 Gedanken zu „Balladenmontag: Junge, wiste ’ne Beer?

  1. Wie toll, liebe Petra, wie grandios! Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland musste ich im zarten Alter auch auswendig lernen, und obwohl ich später wusste, dass Fontane „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ geschrieben hat, wäre/bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass die Familie Ribbeck tatsächlich existieren könnte. Da füllst du gerade eine echte Lücke, dafür vielen herzlichen Dank!
    (Und sowieso fürs Mitmachen und und und.)
    Liebe Osterrestgrüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Petra Schuseil,
    welch ein Zufall, ich war heute in Ribbeck im Havelland :). Dort kann man in der alten Schule in Anlehnung an die Geschichte einen Klassenraum aus der guten alten Zeit besichtigen und nebenan „Ribbecker Birnentorte“ genießen. Der kleine Ort ist wirklich wunderschön nostalgisch. Birnbäume gibt es ebenfalls reichlich. Die Früchte hängen kurz vor der Ernte im Herbst wie blank geputzt an den Ästen und es handelt sich um eine kleine Sorte.
    Ich erinnere mich auch immer wieder an das Gedicht, das wir beim Durchfahren des Ortes auf dem Weg in die Ferien dann gemeinsam aufgesagt haben. Alles sehr real.
    Herzliche Grüße
    Heike Barz-Lenz

    Gefällt 1 Person

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