Leblos? Gefühllos? Aggressiv?

51-vxv6jdol-_sx314_bo1204203200_Dies ist meine zweite Fassung der Buchbesprechung, die ich so auch bei amazon eingestellt habe zu Jeanette Hagens Buch: Die leblose Gesellschaft.

Ich hatte mir viel versprochen. Ich habe eine Antwort gesucht auf die Frage wie die „nicht vollzogene Aussöhnung mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit“ auf die heutige Gesellschaft nachwirkt. Der Text auf dem Buchumschlag hatte mich neugierig gemacht.

Die Autorin geht auf Spurensuche und erklärt die Wirkmechanismen von abgespaltenen Gefühlen: wir halten uns zurück, wir haben Angst vor den Folgen, wenn wir uns einmischen, wir wollen nichts sehen, hören, fühlen, wir sind aggressiv und schotten uns ab. So weit so gut.

Mir ist eigentlich noch nie passiert, dass ich mich während des Lesens eines Buches so angegriffen gefühlt habe. Sie unterstellt der Gesellschaft also auch mir: „Ich fühle nichts. Ich bin leblos. Die Nachrichten lassen mich kalt. Ich unternehme nichts“.

Für wen hat sie eigentlich das Buch geschrieben? Für die AfD-Anhänger? Für deren Sympathisanten? Das hab ich mich immer wieder gefragt. Für mich jedenfalls nicht. Dass Jeanette Hagen in Idomeni war und viel Schreckliches und auch Schönes vor Ort gesehen und geholfen hat, das ehrt sie sehr. Dafür hat sie meinen größten Respekt.

Ja, ich sitze auf der Couch abends und gucke mir die Nachrichten an. Es perlt aber nicht an mir ab. Und es stinkt mir, dass ich beginne, mich zu rechtfertigen. Das will ich nicht. Denn: ich fühle Ohnmacht und raufe mir die Haare, wenn ich die Bilder und Berichte in den Nachrichten sehe und höre.

Ich hätte allen LeserInnen, die in irgendeiner Form betroffen sind von der „transgenerationalen Weitergabe von Traumata“, das Thema streift sie nämlich, erstmal erkärt, um was es geht bzw. wie die Weitergabe aussieht … und sie dort abgeholt wo sie stecken. Denn alle, die noch gar nicht erfasst haben, dass da ein tiefer Schmerz schlummern könnte, sind nicht in der Lage sich mit dem Schrecken des 2. Weltkrieges zu versöhnen oder „das Fremde“ willkommen zu heißen. Ihnen vorzuwerfen, sie sind leblos und gefühllos, werden sie nicht begreifen und sich noch mehr abschotten. Abgespaltene Gefühle kann man jemandem der abspaltet schlecht erklären.

Fazit des Buches: Es reicht nicht, was all die Menschen ehrenamtlich oder bezahlt tun für die Integration von Flüchtlingen. Sie unterstellt mir als Leserin, dass ich sie weg haben will. Sie will, dass ich was mache, unternehme, mich einmische … In ihren Augen ist das was getan wird jedenfalls zu wenig. Und das wiederholt sie in fast allen Kapiteln.

Die Problemlösung, die die Autorin vorschlägt: mit Liebe gehts. Mit Liebe im Herzen und mit der Frage, ob ich das was ich tue mit Liebe tue. Also wirklich! Ich wiederhole mich auch: Für wen ist das Buch geschrieben? Mehrfach habe ich es zur Seite gelegt und war wütend und wollte es nicht weiterlesen und hoffte, im nächsten Kapitel stehen Sätze, die mich abholen. Der Tonfall hat sich immer wiederholt.

Das habe ich mir gewünscht, dass sie mich abholt, als ohnmächtige und fragende Bürgerin. Dass sie mir einen Weg weist, was ich tun kann, so dass es in meinen Alltag passt. Insofern kann ich eine Frau gut verstehen, die ihr antwortete (sie zitiert im Buch): „Sorry, aber ich muss mich um mein Leben und meine Familie kümmern“.

Wenn die Autorin das geschafft hätte, wie ich mit meinem „guten Leben“ (nein ich habe kein volles und leeres Leben und meine Freunde und Bekannten auch nicht) beispielsweise in der Politik etwas verändern, den Flüchtlingen nicht nur durch Spenden helfen kann, dann wäre vielleicht ein Funken auf mich übergesprungen (doch, ich habe von der aktiven Hilfe gelesen Flüchtlingspate zu sein auf Seite 189).

Ich habe keine wirkliche Antwort für wen das Buch geschrieben ist: vielleicht für diejenigen, die sich gern anpieksen lassen, mal nachzudenken und es bisher nicht getan haben. Für diejenigen, die lesen wollen was vor Ort in den Flüchtlingslagern zu sehen und zu tun ist. Vielleicht ist es auch für diejenigen geschrieben, die gerne mit ihr streiten möchten.

Jede Autorin/Autor erhält zunächst grundsätzlich für das Projekt „Buch schreiben“ 5 Sterne von mir für die Mühe und den Fleiß, für die Auseinandersetzung, für Konzept und Struktur. Leider hat mich dieses Buch gar nicht überzeugt, deshalb nur 2 Sterne. Sorry.

Hier kannst Du schmökern.

4 Gedanken zu „Leblos? Gefühllos? Aggressiv?

  1. Hilft nix. Weder durch deine Rezension noch durch die anderen bei Amazon komme ich dem Buch irgendwie näher. Ich muss reinschauen. Bei uns haben es die Bücherhallen, ich habe es vorgemerkt und bekomme es in ein paar Tagen. Kennst du von ihr „Die verletzte Tochter“?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

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