Zweitzeugin sein. Tagung der Kriegsenkel. Sonntagmorgen.

HEIMATSUCHER e.V. ist das Zweitzeugenprojekt in der deutschen Erinnerungskultur und Bildungslandschaft. Als Zweitzeug*innen tragen wir die Geschichten der Schoah für die Zeitzeug*innen weiter und erreichen damit Schüler*innen ab der 4. Klasse.

Für einen Kirchgang war letzten Sonntag keine Zeit. Ich war ja auf der Kriegsenkeltagung im Taunus. Keine Predigt der Welt hätte so gut sein können wie Vanessa Eisenhardts Vortrag an diesem Sonntagmorgen.

Da stand sie: die sympathische, junge Referentin vom Verein Heimatsucher. Ihr schwer verdauliches und berührendes Thema hat sie mit einer Leichtigkeit, mit einer Tiefe, mit einem bezaubernden Lächeln rübergebracht. Nach den ersten Sätzen habe ich geheult und nicht mehr aufgehört.

Diese junge Doktorandin, die da vor uns stand, war im Namen ihres Vereins HEIMATSUCHER in Israel und hat mit ihren Kolleg*innen Holocaustüberlebende interviewt.

Mich berührte dieses besondere zugewandte Interesse und dieses besondere Engagement junger Menschen! Vanessa Eisenhardt stellte uns „ihre“ Schoah-Überlebenden so sympathisch und nah vor. Wir waren sozusagen direkt verbunden mit Chava oder mit Israel … ihre Geschichten rührten uns an. Das Schreckliche des Erlebten hat die Referentin nicht erzählt, aber wir bekamen eine Ahnung, sie streifte es immer wieder kurz ohne ins Detail abzudriften. Dafür bin ich ihr dankbar. Sie selbst aber hat bis zu fünf Stunden während der Interviews die Geschichten der Überlebenden angehört … wie sie damit klar kam, wurde sie gefragt: sie haben sich untereinander ausgetauscht, mussten dann aber auch lustige Filme anschauen, um das Gehörte zu verarbeiten und zu vergessen.

Vor allem haben mich zwei Tatsachen geschockt:

Dass es Holocaust-Überlebenden in Israel teilweise sehr schlecht geht seit 1945 und sie an der Armutsgrenze leben, weil sie keine Unterstützung erfahren.

Holocaust-Überlebende werden in Israel (und nicht nur dort?) „geächtet“ wie im Nationalsozialismus (Du bist nichts wert), weil sie sich angeblich mit den Nazis verbündeten. Denn nur so konnten sie überleben (dass es Hierarchien innerhalb der KZs gab, weiß ich). Dass ihnen vorgeworfen wird, dass sie alles getan haben um zu überleben, das machte mich sprachlos. Kinder schämen sich für ihre Eltern habe ich gehört.

Gott sei Dank hab ich geheult. All die Anspannungen vom Samstag sind weggeflossen. Geheult habe ich vor allem, weil ich nicht fassen konnte was ich hörte.

Die Mitglieder des Vereins gehen in Schulen und erleben die Kinder in der vierten Klasse neugierig und auch wissend. Es ist kein Tabu über den Genozid während des zweiten Weltkriegs zu sprechen.

Ich wünsche Vanessa für ihre Doktorarbeit, die sich mit einem besonders „schrecklichen“ Thema der Holocaust-Zeit beschäftigt, viel Erfolg. Die Geschichten müssen weiter erzählt werden, vor allem von jungen Menschen für junge Menschen.

Der Verein Heimatsucher lebt von Spenden. Wenn Ihr also spenden wollt …

Es gibt das Heimatsucher-Buch.

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