Und fühlst Du dich wohl hier?

img_3364So fragt der Autor Mathias Möller in seinem Artikel eine sogenannte „Neuzuzügerin“- eine Deutsche, die erst seit kurzem in der Schweiz lebt.

Der Artikel ist vor zwei Tagen im Tagesanzeiger erschienen mit der Überschrift: Heimat ist für immer hier. Seit acht Jahren lebt er als Deutscher in der Schweiz. Und ich finde er hat das gut gemacht. Interessant die Kommentare! Von Schweizern wie von Deutschen.

Es ist nicht der erste Artikel dieser Art … aber in seinem Bericht steht so viel Gutes,  das ich blind unterschreibe. Weil ich mich verstanden fühle. Denn es ist nicht einfach. Er fühlt sich wohl hier. Die Gefragte hat sich gut eingelebt. Und auch ich fühle mich wohl hier am Zürichsee mit all den Ambivalenzen, die Möller in seinem Artikel beschreibt.

Erstens: Ich bin integriert hier in Richterswil. Ich habe nie nach den „German Ladies“ gesucht wie beispielsweise in Hongkong.

Integriert sein heißt für mich: Ich kenne die Nachbarn, die rechts und links von uns wohnen. Gegenüber oder hinter uns. Warum? Weil ich neugierig war und weil ich wissen wollte, wer sind denn meine Schweizer Nachbarn und wie ticken die? Ich habe gleich nach unserem Einzug eine Einladung zum Kennenlernen ausgesprochen. Und sie sind alle gekommen. (sie waren ja genauso neugierig auf die zwei Dütschen, die sich ein großes Haus gemietet haben). Zwischenzeitlich werden auch wir eingeladen zu den Geburtstagen oder Pizzaofen-Gartenfesten.

Ich singe im evangelisch-reformierten Kirchenchor mit. Die Kirche heißt hier „Chile“. Manchmal singe ich auch im Projektchor mit, wie gerade eben in Wädenswil. Dazu blogge ich noch separat.

Ich bin Mitglied in der Gemeindebibliothek und zahle einen Obulus an den Verkehrsverein Richterswil. Ich kaufe im Ort ein, bringe meine „Hotelwäsche“ zum Bügeln zu Flora in die Wäscherei … man kennt mich :-): die Pfarrers, die Politikerin, der Bürgermeister …

Mein Mann und ich gehen zu einem Schweizer Hausarzt, aus dem Tessin, der auch mal für afrikanische humanitäre Projekte unterwegs ist. Unser Physio Herr Mondi – ebenfalls Schweizer – kennt unsere Wirbelsäule besser als wir. UND: wir jassen! Jawohl. Den Schieber. Immer mit dem gleichen Schweizer Paar, das wie wir im Ausland lebte. Und ich habe  mit Schweizer Frauen Mahjong gespielt – das chinesische Gesellschaftsspiel.

Aber klar: wir kennen auch viele Deutsche oder treffen sie. In den Arztpraxen, beim Physio, als DienstleisterInnen. Wir haben deutsche Freunde. Die einen leben schon eeeewig hier, die anderen sind zugezogen. Manche sind integriert wie ich, andere gar nicht. Logisch, denn sie arbeiten viel und in ihrer Freizeit bleibt wenig Zeit für die Integration.

Ich finde, wir sind hier, weil wir offen sind und neugierig. Mein Mann hat ein Jobangebot seiner Firma wahr genommen. Genauso unsere deutschen Freunde. Es hätte auch ein anderes Land sein können. Und wer intensiver in der Heimat verwurzelt ist, diese Menschen gibt es ja auch, die bleiben und gehen eben nicht ins Ausland. Dass wir hier weniger Steuern zahlen ist interessant, aber kein Beweggrund Deutschland den Rücken zu kehren. So sehe ich das. Wir haben ein Angebot angenommen, haben Mut bewiesen, Heimweh geschoben und ich lebe ambivalent zwischen Frankfurt und dem Zürichsee.

Die, die mich besser kennen, wissen wie schwer der Lebensumbruch für mich war. Dieser img_4123Ortswechsel hatte es in sich!

Und dann zweitens dieses – pardon – blöde Schweizer Thema: ich fühl(t)e mich bei der Thematik „Abschieben von Ausländern“ ausgegrenzt und unwillkommen. Möller bringt es auf den Punkt:

„ich fürchte jede Abstimmung, bei der es um uns Eingewanderte geht. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative nahm ich persönlich“. Man wollte mich nicht hier haben. Dieses diffuse Gefühl der Ablehnung, weil man Ausländer ist, lässt sich jemandem, der nicht davon betroffen ist, schwer vermitteln“.

Nun leben wir seit 5 Jahren in der Schweiz. Mein Mann freut sich über unseren Ausländerausweis mit dem Buchstaben „C“. Jetzt können wir überall in der Schweiz leben und wohnen … nur wählen dürfen wir nicht. Das wäre dann mit der Einbürgerung möglich – in fünf Jahren, glaube ich. Wegen dem Mitwählen und Mitmischen in der Politik ist es eine Überlegung wert.

Ich flechte Schweizer Wörte in meine Sprache ein, wenn ich mit Einheimischen spreche. Ich verstehe sie gut, habe viele Schweizer „Vokabeln“ gelernt. Wer nicht in die Schweiz gesiedelt ist, wie wir, versteht nicht, wie anders dieses „kleine Bergvolk“ ist. Wir sprechen NICHT die gleiche Sprache. Und am Anfang war ich sicher zu „laut“, zu „lebendig“ für den Schweizer Geschmack. Jetzt hab ich mich versöhnt.

Es ist immer eine Frage des Handelns und was einem wichtig ist. Wesentlich werden hier wie dort in Frankfurt … nach fünf Jahren sage ich: gut gemeistert.

Mathias Möller beendet seinen Aufsatz mit: „Home is where the heart is“.

I agree MM.

3 Gedanken zu „Und fühlst Du dich wohl hier?

  1. Pingback: 5 Jahre am Zürichsee | Wesentlich werden

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